1 | Von Stuttgart nach Afrika

Den Schlächter vom Schlachtfeld beseitigen

Als erstes deutsches Medium haben die Stuttgarter Nachrichten Einblick in eine Operation des umstrittenen US-Afrikakommandos genommen

Halbwahres, Legenden, Märchen: Viele Geschichten haben sich in den vergangenen Monaten um Africom, das Stuttgarter Oberkommando der US-Streitkräfte für Afrika, gerankt. Dabei ging es ausschließlich um Schnüffelattacken des US-Geheimdienstes und Riesen-Datenstaubsaugers NSA in Deutschland. Oder um tödliche Angriffe mit unbemannten Flugzeugen auf mutmaßliche Terroristen in Afrika. Grund genug für die Stuttgarter Nachrichten, genau hinzusehen.

Die Vor-Ort-Recherche hat den Chefredakteur in den Africom-Einsatz gegen eine der blutrünstigsten Milizen Afrikas geführt, Joseph Konys Widerstandsarmee des Herrn (Lord’s Resistance Army, LRA) . Zunächst hinter den Kasernenzaun in Stuttgart, dann ins Zentralafrika-Hauptquartier des amerikanischen Kommandos für Spezialoperationen im ugandischen Entebbe. Weiter zu den Elite-Soldaten des US-Heeres, den Green Berets, und ihren afrikanischen Verbündeten in die Dschungel des Kongos. Und nicht zuletzt zu Kämpfern der LRA, die vor wenigen Tagen erst ihre Waffen in der Zentralafrikanischen Republik niedergelegt haben.

„Es geht darum Streitkräfte aufzubauen, die Menschenrechte respektieren und der Herrschaft des Rechts folgen“

Der generelle Befund: Nichts widerlegt grundsätzlich die Vermutung, dass auch die NSA den Militärstützpunkt in Stuttgart-Möhringen für ihre streng geheimen Operationen nutzt. Aber der Einsatz gegen die LRA macht sichtbar, wie Africom sehr viel weiter gefassten Zielen dient.

„Diese Operation ist ein gutes Beispiel für das, was wir den Aufbau von Partner-Fähigkeiten nennen“, sagte Africom-Kommandeur David Rodriguez den Stuttgarter Nachrichten. „Das ist eine jener Aufgaben, für die das Kommando gegründet wurde“. Es gehe im Kern darum, „die Verteidigungsfähigkeit afrikanischer Staaten und regionaler Organisationen zu stärken“. Darum, durchhaltefähige Streitkräfte aufzubauen, „die Menschenrechte respektieren und der Herrschaft des Rechts folgen“.

So auch in der Auseinandersetzung mit Konys Mörderbande. Die sieht sich heute einer gemeinsamen 4000-Mann-Streitmacht (AU-RTF) jener vier afrikanischen Staaten gegenüber, in denen sie wütet: Uganda, Kongo, Südsudan und Zentralafrikanische Republik. Auf diese Truppe konzentriert sich die Unterstützung, die Africom leistet. „Ich betone, dass der Einsatz gegen die LRA afrikanisch geführt ist“, beschreibt Rodriguez das Verhältnis der Amerikaner zu ihren Partnern. Denen stehen sie mit Zivilschutz, Entwicklungshilfe, militärischer Ausbildungshilfe zur Seite. Und mit einem ausgeklügelten Programm, das LRA-Kämpfer zum Aussteigen bewegen und den Oberschurken Kony und dessen engste Gefolgsleute isolieren soll.

Rund 100 US-Soldaten sind dafür unter Africom-Führung im Einsatz. Außerdem viele private Hilfsorganisationen und die staatliche Entwicklungshilfe. Das US-Außenministerium leitet den gesamten Einsatz. Unbemannte Flugzeuge, sogenannte Drohnen, spielen auch hier eine Rolle, wie Rodriguez einräumt: „Wir nutzen fliegende Überwachungsplattformen, um alle Anstrengungen gegen die LRA zu verstärken“. Welche, wie viele, wo genau – dazu will der Vier-Sterne-General nichts sagen „mit Rücksicht auf den Schutz unser Soldaten“.

Hunderttausende verloren auf der Flucht vor der LRA ihre Heimat

Historisch einmalig ist der Weg Amerikas in den Krieg gegen Konys LRA: Es war vor allem die Hilfsorganisation Invisible Children (Unsichtbare Kinder), die mit einer beispiellosen Mobilisierungskampagne Präsident Barack Obama zum Eingreifen getrieben hat. Von Ende 2011 an auch zum militärischen. Nicht zuletzt mit ihrem Internet-Clip „Kony 2012“, der auf Youtube fast 100 Millionen Zuschauer gefunden hat, verschaffte die Organisation den Greueln der LRA weltweite Aufmerksamkeit. Außerdem sammelt sie so viele Informationen als möglich über die Miliz.

Konys Truppe hat seit 1987 Tausende Kinder entführt, zu Killern abgerichtet oder als Sklaven missbraucht. Tausende Zivilisten wurden gnadenlos massakriert oder verstümmelt. Hunderttausende gingen im Herzen Afrikas auf die Flucht vor der LRA und verloren so ihre Heimat.

Kommandeure der von Africom unterstützten afrikanischen Eingreiftruppe bezifferten die LRA in Gesprächen mit unserer Zeitung auf „höchstens noch 150 Kämpfer“. Früher waren es mehr als 2000. Stolz verweist Africom auf die Erfolge des LRA-Aussteiger-Programms. Auch der markige Satz des Kommandeurs „Unmittelbares Ziel der Mission gegen die LRA ist es, Joseph Kony vom Schlachtfeld zu eliminieren“ findet eine Bestätigung in den jüngsten Zahlen: „Seit 2012 hat die afrikanische Eingreiftruppe drei der fünf Top-Kommandeure der LRA ausgeschaltet“, versichert Rodriguez. Africom schätzt, dass die Afrikaner im vergangenen Jahr 39 LRA-Lager zerstört haben. Außerdem sei die Zahl der Binnenflüchtlinge aus den von Kony heimgesuchten Regionen gegenüber 2012 von 440000 auf 326000 gefallen.

Africom blickt bereits weit über Kony und die LRA hinaus: „Wir lernen von unseren Afrikanischen Partnern so viel wie sie von uns. Das Wissen, das wir über die Umwelt, die Kulturen und ihre Streitkräfte gewinnen, wird uns letztlich zu besseren Partnern machen“, sagt Rodriguez. Und nennt das immer besser funktionierende Zusammenspiel in der Vier-Nationen-Truppe AU-RTF, die Kony bekämpft, ein „Nebenprodukt“ des Einsatzes. „Diese verbesserten Fähigkeiten werden alle beteiligten Länder in die Lage versetzen, enger zusammenzuarbeiten und künftigen Herausforderungen der regionalen Sicherheit effektiver denn je zuvor entgegenzutreten.“

Doch erst einmal gilt alle Konzentration einem: Joseph Kony und seiner unheimlichen Widerstandsarmee des Herrn.

Einsatzgebiet des Africom
Das US-Afrika-Kommando Africom in Stuttgart
2007 gründet US-Präsident George W. Bush das neue US-Regionalkommando für Afrika. Die USA tragen damit der wachsenden geostrategischen Bedeutung des Schwarzen Kontinents Rechnung. Bei seiner Entstehung kritisieren viele afrikanische Führer, aber auch so mancher Kritiker in den USA, das Pentagon wolle Entwicklungshilfe und Diplomatie militarisieren. In Afrika wird auch befürchtet, Washington wolle dort große Stützpunkte errichten.
Africom ist das kleinste von sechs US-Regionalkommandos. Das Hauptquartier hat seinen Sitz in Stuttgart. Es verfügt über keine eigenen Kampftruppen. An der Spitze von Africom steht seit April 2013 der Vier-Sterne-General David Rodriguez. In den Kelley Barracks in Stuttgart-Möhringen arbeiten 1500 militärische und zivile Mitarbeiter.
Africom ist zuständig für die 53 Staaten Afrikas außer Ägypten. Der einzige Großstützpunkt in Afrika befindet sich in Dschibuti am Horn von Afrika. Doch das Pentagon verfügt über ein Netzwerk kleinerer, teilweise geheimer Stützpunkte, darunter eine Spezialkräftebasis in Kenia und Drohnen-Basen in Äthiopien, auf den Seychellen und im Niger. Das Jahresbudget für 2012: umgerechnet 202 Millionen Euro.
Africom ist das erste sogenannte Smart-Power-Kommando des US-Militärs. Das heißt, man hilft bei der Ausbildung afrikanischer Streitkräfte und setzt zusammen mit dem US-Außenministerium und anderen Behörden soziale, politische und wirtschaftliche Programme um. Die Idee dahinter: Konflikte vermeiden, eigene Fähigkeiten in den Ländern aufbauen, um Interventionen von außen zu vermeiden.
Doch im März 2011 leitet Africom die kurze US-geführte Phase des Luftkrieges gegen den Diktator Muammar al-Gaddafi in Libyen. In Zentralafrika helfen US-Spezialkräfte einer Eingreiftruppe der Afrikanischen Union bei der Jagd nach Joseph Konys Widerstandsarmee des Herrn (LRA). Kritiker bemängeln, dass Africom für diese umfassende Aufgabe viel zu wenig Geld und Personal hat.
Wegen der Aktivitäten von El-Kaida-Ablegern im Nordwesten Afrikas von Libyen bis Mali und in Ostafrika in und um Somalia hat US-Präsident Barack Obama zuletzt den Anti-Terrorkampf in Vordergrund gerückt. So haben die USA dabei geholfen, eine Friedenstruppe der Afrikanischen Union für Somalia zusammenzustellen, die gegen die Islamisten der al-Shabaab-Miliz vorgeht. Zahlreiche Rechtsexperten halten den Drohneneinsatz zur gezielten Tötung etwa in Somalia für völkerrechtswidrig.
Joseph Kony – Führer der Widerstandsarmee des Herrn (Lord’s Resistance Army, LRA) | Foto: dpa
General David Rodriguez führt im Stuttgarter Africom seit April 2013 das Kommando | Foto: PPFotodesign
Amerikanische Soldaten unterstützen vier zentralafrikanische Staaten im Kampf gegen die LRA | Foto: Africom
In Dungu bilden derzeit 15 Mann einer Spezialeinheit kongolesische Soldaten aus | Foto: StN
Blick ins „Wohnzimmer“ der Green Berets – die Hitze lässt wehmütige Erinnerungen an Stuttgart hochkommen | Foto: StN
KleineTruppen- Küche in einer Baracke – durch den Boden haben sich bereits die Ratten gefressen | Foto: StN
Improvisiert: Das „Sportstudio“ der Spezialeinheit | Foto: StN
Würde einiges einfacher machen: Der Einsatz der Osprey gegen die LRA ist aber noch nicht genehmigt | Foto: StN
2 | Die Green Berets

Wo die Mambas lauern

15 Elite-Soldaten der Spezialkräfte des US-Heeres bilden im kongolesischen Dungu Soldaten der FARDC im Kampf gegen Konys Widerstandsarmee des Herrn aus

Das ist wirklich nur was für die Harten: Temperaturen an die 40 Grad, Schwüle, Enge, Unterbringung in Baracken und Containern, eine Dusche, zwei Toiletten - und sieben Arbeitstage die Woche. All dies ein halbes Jahr nonstop. Tag für Tag. Bei Tag und bei Nacht.

Kein Wunder, dass es 15 Elite-Soldaten der Spezialkräfte des US-Heeres sind, der berühmten Green Berets, die das Stuttgarter Oberkommando der US-Streitkräfte für Afrika (Africom) ins kongolesische Dungu geschickt hat. Sie sind hier, um kongolesische Soldaten in der Ausbildung zu unterstützen und im Einsatz zu begleiten. In den Kampf gegen Joseph Konys Widerstandsarmee des Herrn, die Lord's Resistance Army (LRA). "Ich kann sie gar nicht genug loben", sagt Hauptmann Owen F. (wie bei den deutschen dürfen aus den amerikanischen Spezialkräften keine Klarnamen veröffentlicht werden) über seine kongolesischen Partner. Der bullige US-Offizier sagt das mehrmals. Wie er es sagt, klingt das nicht politisch korrekt, sondern nach tiefem Respekt vor den afrikanischen Kollegen. Die müssen mit extrem bescheidenen Mitteln unter den brutalen klimatischen Bedingungen in einem unglaublich filzigen Dschungel klar kommen: mit der harten Ausbildung und letztlich mit Konys mörderischer LRA.

Riesen-Ratten und Giftschlangen – Hauptfeldwebel Eric M. träumt oft vom schönen Stuttgart

Aus dem Vollen schöpfen in Dungu allerdings auch die Amerikaner nicht. Ein paar Hütten, ein paar Container - das ist ihre Unterkunft, ihre Operationszentrale, ihr Wohnzimmer, ihre Küche, ihr Vorratslager, ihr Fitnessraum. Zusammengepfercht in Sichtweite des großen Feldlagers der UN-Truppe im Kongo. Mit der es allerdings kaum Berührungspunkte gibt. Mal funktioniert die Stromversorgung in dem Mini-Lager der Green Berets, mal nicht. "Seit wir unser Wasserreservoir gebaut haben, ist es zumindest damit besser", lächelt Owen F. Der Chef der in Dungu stationierten Gruppe entspricht äußerlich allen Klischees von den Einzelkämpfern der Green Berets: athletisch, für einen amerikanischen Heeressoldaten auffallend volles Haar, verspiegelte Sonnenbrille, Kampfanzug einer längst ausgemusterten Generation, darauf weder Rang- noch Verbandsabzeichen.

Hauptfeldwebel Eric M. zeigt auf ein Loch im Betonboden der kleinen Küche: "Die Ratten sind hier riesig und beißen sich selbst durch Zement", erzählt der braun gebrannte Enddreißiger von besonders unangenehmen Begleitumständen seines Kongo-Einsatzes. "Und wegen der Ratten haben wir häufig Puffottern im Lager." Überhaupt die Giftschlangen: "Kürzlich habe ich hinter diesem Container eine grüne Mama erlegt", deutet Owen F. auf eine Stelle am Boden. "Es gibt auch schwarze da draußen. Am schlimmsten sind die Jungen, die schmeißen sich mit dem ganzen Körper an dich ran."

Kein Wunder, dass unter solchen Umständen manche Erinnerung besonders hell strahlt: "An Stuttgart, wo ich drei Jahre stationiert war, hat mir die Königstraße besonders gut gefallen", schwärmt Eric M. "Besonders im Advent mit Weihnachtsmarkt und Glühwein". Als er das sagt, steht er, die pralle Sonne fast senkrecht über sich, auf der roten Sandpiste von Dungu. Auf der starten und landen die kleinen M-28-Propeller-Maschinen des 160. Luftregiments für Spezialoperationen. Für die Green Berets ist das die Nabelschnur zur Außenwelt.

Das Africom im Überblick
Elite-Soldaten des US-Heeres bilden Soldaten der FARDC im Kampf gegen die LRA aus
3 | Das kongolesische Militär

Elite-Truppe ohne Socken

Etwas mehr als 100.000 Freiwillige bilden die Armee der Demokratischen Republik Kongo. Es ist „eine der am schlechtesten ausgerüsteten Armeen der Welt“, sagt einer ihrer amerikanischen Ausbilder

Die Armee der Demokratischen Republik Kongo (FARDC) untersteht direkt Präsident Joseph Kabila. Ihre Stärke wird auf etwas mehr als 100.000 Freiwillige  geschätzt. Ihre inneren Strukturen sind sehr undurchsichtig. Sie habe sich speziell im wilden Osten des riesigen Landes, den mehrere extrem gewalttätige Milizen durchstreifen, selbst schwerer Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht, heißt es aus vielen Quellen.

Im Auftrag des Stuttgarter Oberkommandos der US-Streitkräfte für Afrika (Africom) bilden der amerikanische Hauptmann Owen F. und 14 weitere Angehörige der Spezialkräfte (Special Forces) des US-Heeres  derzeit in Dungu ein Infanterie-Bataillon aus. Dieser kongolesische Verband unter Oberstleutnant Nwambo Kas gehört zur Streitmacht der Afrikanischen Union (AU-RTF), die Joseph Konys ultrabrutale Miliz bekämpft, die Widerstandsarmee des Herrn (Lord’s Resistance Army, LRA).

Der Elite-Verband der FARDC ist mit Uralt-Turnschuhen im dichten Dschungel unterwegs

Owen F. spricht von „einer der am schlechtesten ausgerüsteten Armeen der Welt“. Obwohl ein Elite-Verband des Kongo, verfügt im Bataillon von Nwambo Kas nur etwa ein Drittel der Soldaten über Socken. Die Männer sind in dem extrem dichten Dschungel, der den Osten des Kongos überzieht, mit Gummistiefeln und Uralt-Turnschuhen unterwegs.

Die kongolesischen Soldaten tragen Sturmgewehre russischer Bauart. „Unsere Waffenmeister hatten reichlich zu tun, ehe mit denen wieder was zu treffen war“, berichtet einer der amerikanischen Ausbilder. Amerikanische Waffen sind in den Händen der Kongolesen nicht zu sehen. Zur Unterstützung der afrikanischen Eingreiftruppe AU-RTF durch Africom gehöre keine Lieferung von Waffen, heißt es in Stuttgart.

Rund 60 Euro monatlich verdienen die unteren Dienstgrade der kongolesischen Armee. Für diesen Sold üben sie in der 30-Tage-Einsatzausbildung mit den Amerikanern täglich elf Stunden in drückender Schwüle. Körperliche Züchtigung durch die kongolesischen Vorgesetzten gehört zum Ausbildungsalltag.

Der Kommandeur ist frei darin zu befördern oder zu bestrafen. So etwas wie Laufbahnrichtlinien gibt es nicht. Die Amerikaner in Dungu beschreiben Nwambo Kas als einen überaus fähigen Offizier: „Außerdem bezahlt der seine Leute pünktlich. Das ist in der FARDC eher unüblich.“ Am Ende der harten Einsatzausbildung erhalte jeder Soldat eine neue Uniform.

Unter seiner verspiegelten Uniform zeigt Nwambo Kas ein joviales Lächeln. Er lobt seine amerikanischen Helfer. Über die im Kongo traditionell sehr aktiven Franzosen sagt er: „Sie leisten dann und wann etwas Ausbildungshilfe. Aber im Kampf gegen Konys Widerstandsarmee des Herrn helfen uns nur die Amerikaner.“

Uganda, Kongo, LRA - Die Hintergründe
Unabhängigkeit: Die Wurzeln der ständigen Konflikte in Uganda liegen in der neueren Geschichte des Landes begründet. Nachdem das Land jahrelang unter britischem Protektorat gestanden hatte, begann in den 1950er Jahren der Prozess der Entkolonialisierung. In dessen Folge wurde 1962 die Unabhängigkeit ausgerufen und König Mutesa II. wurde Präsident. 1966 verdrängte ihn jedoch Milton Obote – bis dahin Premierminister des Landes. Obote führte ein Einparteiensystem ein und führte Uganda in Richtung Sozialismus.
Diktatur: Obote hatte aufgrund seiner brutalen Führung wenig Rückhalt beim Volk – ein Fakt, den Militärchef Idi Amin 1971 zu einem Putsch nutzte. Für das Volk eine Wahl zwischen Pest und Cholera. In den neun Jahren Diktatur unter Amin (bis 1979) wurden Hunderttausende ermordet – Oppositionelle aber auch einfache Zivilisten. Nach einem Rebellenaufstand konnte Amin gestürzt werden. Die folgende Wahl spülte jedoch wieder Obote an die Macht. Seine Herrschaft sollte noch schlimmer werden als die in seiner ersten Amtszeit.
Demokratie: Der heutige Präsident Yoweri Museveni wollte dem als Rebellenführer ein Ende setzen. Das gelang ihm nach einem Guerillakrieg 1986 – er eroberte mit seiner National Resistance Army (NRA) die Hauptstadt Kampala und ernannte sich in der Folge zum Präsidenten. 1989 folgten dann die ersten Wahlen, in denen er in seinem Amt bestätigt wurde. Lupenrein demokratisch war das alles nicht, da es faktisch keine anderen Parteien gab. Die wurden erst Jahre später zugelassen.
Widerstand: In der Folge der Ungereimtheiten um Wahl und Wiederwahl des Präsidenten Museveni formierte sich erneut Widerstand. Unter anderen durch Joseph Kony und seine Widerstandsarmee des Herrn, die Lord‘s Resistance Army (LRA). Ein Widerstand, der an Brutalität und Massakern an der Zivilbevölkerung die Gräueltaten aller bisherigen Diktatoren und Präsidenten Ugandas bei weitem übersteigt. Da die LRA vom Süden des Nachbarlands Sudan aus operierte, war hier der nächste Konflikt programmiert: Uganda beschuldigte den Sudan, die Rebellen zu unterstützen.
LRA: Die Lord‘s Resistance Army kämpft für die Errichtung eines Gottesstaates auf Basis der christlichen zehn Gebote. Diesen Gottesstaat will die LRA mit beispielloser Gewalt durchsetzen: Mitglieder der LRA plündern, vergewaltigen, verstümmeln und ermorden in den 2000er-Jahren wahllos und terrorisieren die Zivilbevölkerung im Norden Ugandas. Erst im Jahr 2006 wird ein Waffenstillstand vereinbart. Er hält nur kurze Zeit. In Uganda unter starkem Druck der Armee, hat die LRA ihre Gewalttaten danach in die Nachbarschaft ausgeweitet, in den Kongo, in die besonders instablie Zentralafrikanische Republik und in den jungen Staat Südsudan.
Demokratische Republik Kongo: 2009 begann die kongolesische Armee (FARDC) mit Hilfe von UN-Friedenstruppen die LRA zu bekämpfen. Bald darauf stellten die vier von der LRA terrorisierten Länder eine gemeinsame 4000-Mann-Eingreiftruppe unter ugandischer Führung auf, die AU-RTF. Konys Widerstandsarmee des Herrn antwortete daraufhin mit noch brutaleren Angriffen auf die Zivilbevölkerung. Im UN-Bericht heißt es, die FARDC sei viel zu schlecht ausgerüstet für einen solchen Kampf. Zudem wird der Armee von den UN vorgeworfen, selbst in Vergewaltigungen und andere Verbrechen verwickelt zu sein.
Africom: Das Stuttgarter US-Afrikakommando (Africom) unterstützt seit Ende 2011 die afrikanische Eingreiftruppe AU-RTF gegen die LRA. Drei Teams der Spezialkräfte des US-Heeres (Special Forces) leisten in Dungu (Kongo), Nzara (Südsudan) und Obo (Zentralafrikanische Republik) Ausbildungshilfe. Außerdem fahren die Amerikaner mit ihren afrikanischen Partnern eine Kampagne, die LRA-Kämpfer zum Aussteigen bewegen soll – mit rasch wachsendem Erfolg.
Bestandteil der Ausbildung der FARDC: Erste Hilfe leisten
4 | Machine Gun Preacher

Helfen und Töten

Wie Sam Childers, der Maschinengewehr-Prediger, Uganda aufmischt - und Eigenwerbung betreibt

Eine Szene wie aus einem Western: Die Tür der einsamen Raststation an der Straße, die das nordugandische Gulu und die Hauptstadt Kampala verbindet, schwingt auf. Sam Childers tritt ein. Die meisten Gespräche verstummen, viele Blicke heften sich auf den kleinen, aber muskulösen Amerikaner: "Ist das nicht...?", raunt ein Gast. Ja, er ist es. Childers, der Machine Gun Preacher, der Maschinengewehr-Prediger.

Seine Geschichte ist - so wie er sie schildert - schnell erzählt: Ex-Rocker, Ex-Leibwächter eines Drogenhändlers, Ex-Sträfling. Dann die Erweckung als pfingstkirchlicher Christ. Seine neue geistliche Heimat entsendet ihn 1998 auf Missionstour in den vom Bürgerkrieg zerfurchten Sudan. Dort stößt Childers auf die Greuel der vom Norden des benachbarten Uganda aus operierenden Widerstandsarmee des Herrn, der Lord's Resistance Army (LRA). Kinder entführen, zu ultrabrutalen Killern abrichten oder als Sexsklavinnen unterjochen - das ist das Kerngeschäft der Mörderbande um Joseph Kony.

„Childers Feldzug gegen die LRA – Mission: Konys Leuten geraubte Kinder entreißen“

Childers hält dagegen. Er baut ein Waisenhaus. Aber nicht nur: Schon bald entfesselt er seine legendären Feldzüge gegen die LRA. Führt Kämpfer der SPLA, der damaligen Abspaltungsbewegung und heutigen Regierungspartei des Südsudans, in den Dschungel, um Konys Leuten geraubte Kinder zu entreißen.

Klar, dass diese Geschichte Hollywood inspiriert. Der Film "The Machine Gun Preacher" mit Gerard Butler in der Hauptrolle wurde 2011 ein Kassenschlager in den USA. Unmittelbar vor dem Eingreifen der Amerikaner in den Krieg gegen die LRA. Der Film mehrt Childers Ruhm. Und seine Möglichkeiten. "Im Mai komme ich nach Deutschland, für mein zweites Buch zu werben", kündigt er an.

Markenpflege betreibt der Maschinengewehr-Prediger selbst auf seinem Körper: "Machine Gun" steht in großen Buchstaben auf einem Unterarm. "Preacher", auf dem anderen. Und dann der Auftritt: "Wie, Sie haben nichts von den lächerlichen Untersuchungen gehört, die amerikanische Behörden gerade gegen mich anstellen, weil ich der SPLA angeblich Waffen verkauft haben soll? Das waren doch Welt-Topnachrichten!" Bescheidenheit ist nicht das Ding des Sam Childers. Er schildert seinen neuen Bauernhof im Norden Ugandas. Für Opfer der LRA. "Manche von denen haben in der LRA gekämpft. Deswegen trage ich immer eine Waffe bei mir, wenn ich dort bin."

Mit weit ausholenden Bewegungen erzählt Childers von den "sechs Kinderheimen, die ich inzwischen in Uganda und im Südsudan betreibe". Er macht das bei aller Großspurigkeit in einem überaus verbindlichen Ton. Amüsiert blitzen seine dunklen Augen, als er von der Geschichte um den angeblichen Waffenverkauf erzählt.

Anders als fast alle großen Hilfsorganisationen, mit denen das Stuttgarter Afrika-Oberkommando der US-Streitkräfte (Africom) in seiner Operation gegen die LRA zusammenarbeitet, schlägt der Maschinengewehr-Prediger kritische Töne an, wenn es um das Engagement des amerikanischen Militärs geht: "Wer sind wir, den Afrikanern zu predigen, dass sie Aussteigern der LRA vergeben und sie wieder in ihre Dörfer und Städte aufnehmen sollen?", fragt er. "Das machen wir in Amerika doch auch nicht mit Leuten, die Nasen und Ohren abgeschnitten haben." Dass die meisten aus Konys Truppe als Kinder entführt wurden und also zugleich Opfer sind, mag er der gewaltbereite Gottesmann in diesem Moment nicht gelten lassen. "Die kriegen keine richtigen Rehabilitierungsprogramme. So bleiben das tickende Zeitbomben."

Grundsätzlich finde er es gut, dass Africom von Stuttgart aus den Kampf einer afrikanischen Vier-Nationen-Eingreiftruppe gegen die LRA seit Ende 2011 militärisch unterstützt. "Aber das mit der Ausbildung dauert ja ewig. Warum haben wir nicht drei Teams der Spezialkräfte reingeschickt und erledigen den Job in einem halben Jahr?" Dass es im Kern genau drei Teams der Spezialkräfte sind, die den Auftrag von Africom ausführen, dass Konys Operationsgebiet etwa die zwölffache Größe von Baden-Württemberg hat und extrem schwer zugänglich ist - mit solchen Details mag sich Childers nicht aufhalten. Eigene Maschinengewehr-Erfahrung im Dschungel hin oder her. Kritisch ist sein Ausblick: "Wir müssen genau im Auge behalten, welche Interessen langfristig hinter dem Engagement der USA stecken. Öl?"

Sam Childers, der Machine Gun Preacher, will die Schwächsten der Schwachen – die Kinder – vor Joseph Kony und seiner LRA schützen | Foto: Evans
Childers hat ein bewegtes Leben: Ex-Leibwächter eines Drogenhändlers, Ex-Sträfling und Ex-Rocker | Foto: Evans
Sam Childers mit Samuel, einem Jungen in seinem Waisenhaus im Südsudan. Samuel hat die LRA überlebt – wenn auch mit deutlichen Verletzungen | Foto: Evans
Sie werden entführt und zu Kindersoldaten gemacht. Getrennt von ihren Familien fehlt den Kindern jede Hoffnung | Foto: Evans
Viele Kinder werden zu Waisen, denn die LRA mordet, foltert und zerstückelt wahllos Menschen in den Dörfern, die sie überfällt | Foto: Evans
In dem Waisenhaus in Südsudan können die Kinder langsam wieder zu einer Kindheit zurückkehren, die ihnen geraubt wurde | Foto: Evans
Zusammen mit der Sudanese Peoples Liberation Army (SPLA) führte Sam Childers den Kampf gegen die Lord’s Resistance Army | Foto: Evans
Gruppenbild mit Machine Gun Preacher – Waisen im Südsudan | Foto: Evans
Sam Childers auf Tour: Aufklärung an US-Schulen und Gespräche mit Hilfsorganisationen | Foto: Evans
Christoph Reisinger, Chefredakteur der Stuttgarter Nachrichten, hat Sam Childers im Norden Ugandas getroffen | Foto: StN
In seiner Biographie berichtet Sam Childers über seinen Kampf gegen die LRA („Machine Gun Preacher“, Gerth Medien, 16,99 Euro, ISBN: 9783865917430). Die Geschichte wurde auch verfilmt – mit Gerard Butler in der Hauptrolle (DVD bei Universum, ab 8 Euro). | Foto: Verleih/Promo
5 | Interview: Stella Akidi

„Ich hatte jede Hoffnung verloren“

Kinderraub gehört zur Taktik der LRA, der brutalsten Miliz Afrikas. Ein Opfer erzählt

Stella Akidi hat ein grausames Schicksal erlitten. Die Uganderin war zehn Jahre alt, als sie von Joseph Konys Widerstandsarmee des Herrn (Lord's Resistance Army, LRA) verschleppt wurde. Vor wenigen Wochen kam sie mit einer Gruppe von LRA-Aussteigern aus dem Dschungel zurück - mehr als elf Jahre nach ihrer Entführung. Jetzt wartet sie in einer Auffangstation der ugandischen Armee für ehemalige LRA-Kämpfer im nordugandischen Gulu darauf, wieder Kontakt zu ihrer Familie zu bekommen. Zur Begrüßung kniet sie nieder und reicht die Hand - fast ohne Händedruck. Hier schildert sie ihre Geschichte:

Frau Akidi, wie war das damals, als Sie in die Hände der Widerstandsarmee des Herrn gefallen sind? Die LRA kam eines Nachts in unser Dorf. Das war im Oktober 2002. An vieles erinnere ich mich nicht mehr, aber daran, wie sie mich mitgenommen haben.

Was haben Sie da draußen denn gegessen? Die meiste Zeit gab es Adyobe, eine Wildpflanze. Nach Überfällen auf Dörfer auch mal etwas anderes.

„Manche Frauen mussten mit ihren Kindern auf dem Rücken gegen die Armee kämpfen“

Stella Akidi

Was hat Ihnen im Busch am meisten gefehlt? Das war das ganz normale Leben, wie ich es als Kind gekannt hatte. Das habe ich am meisten vermisst. Und ganz besonders meine Mutter.

Es heißt, die LRA mache manche der verschleppten Mädchen auch zu Kämpferinnen. Wie war das bei Ihnen? Viele Frauen waren an den Kämpfen gegen die Armee beteiligt, manche mussten mit ihren Kindern auf dem Rücken kämpfen, mache ihre Kinder im Kampf zurücklassen. Ich musste nie kämpfen, aber ich war bewaffnet. Mein größtes Glück war, dass ich im Gegensatz zu vielen anderen keine Schussverletzungen abbekommen habe.

Wie war das Verhältnis zu den Männern in Ihrer Einheit? Als ich 14 Jahre alt war, wurde ich dem LRA-Kommandeur Denis Obolo übergeben.

Wie hat er Sie behandelt? Er hat mich nie geschlagen. Einige der anderen Männer haben ihre Frauen geschlagen. Auch wenn ich nie wusste warum.

Haben Sie Kinder? Nein, ich habe keine Kinder.

Was war für Sie das Schlimmste in all den Jahren? Die Entführung an sich war für mich besonders schrecklich. Denn es war der Moment, nach dem es keinen mehr mit der Gewissheit gab, jemals wieder zurückzukehren. Ich habe zwischendurch jede Hoffnung verloren, meine Familie noch einmal zu sehen.

Wie verlief Ihr Ausstieg vor wenigen Wochen? Wir hatten die Botschaften im Radio gehört, dass uns nichts passiert, wenn wir aus dem Dschungel kommen. Das haben wir dann in der Zentralafrikanischen Republik gemacht. Von Obo wurden wir hierher nach Gulu geflogen.

Und? Wie wurden Sie behandelt? Es ist uns tatsächlich nichts passiert. Wir mussten allerdings all unsere Habe verbrennen und haben nur sehr wenige neue Kleider bekommen. Dieses Lager hier ist kein guter Ort. Es fehlt selbst an Seife für Babys und Kleider. Ich will hier weg.

Haben Sie schon Kontakt zu Ihrer Familie bekommen? Nein den habe ich noch nicht. Erst wenn meine Mama mich hier wegholt, ist dieser Krieg für mich vorbei. Erst wenn ich nach Hause komme, kann ich an eine bessere Zukunft glauben.

StN-Chefredakteur Christoph Reisinger im Interview mit Stella Akidi | Foto: StN
Im Auffanglager der ugandischen Armee in Gulu … | Foto: StN
… wartet eine Gruppe von LRA-Aussteigern auf ihre Heimkehr zu ihren Familien | Foto: StN
Stella Akidi ist eine von ihnen: Elf Jahre lebte sie als Gefangene der LRA | Foto: StN
Auch Obur Nweko hat Grauenvolles erlebt – als er mit der LRA zwei Dörfer seiner Heimatregion überfallen hat | Foto: StN
Töten, zerstückeln und rauben im Namen der LRA – die ehemaligen Kindersoldaten sind ausgestiegen | Foto: StN
Diese Aufnahmen stammen aus der Mitte der 2000er-Jahre | Foto: dpa
Kämpfer der LRA kehren in eines ihrer Camps zurück | Foto: dpa
Eine junge Frau wird nach ihrer Zeit bei der LRA in einem Lager medizinisch betreut | Foto: Getty